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betörend! – Ein Kurzgeschichtenband, herausgegeben von Karen Grol

Fräulein Gabors Talent für Geschichten

 

betörend-kleinFräulein Gabor hat keine Erfahrungen mit sexuell-spirituellen Sitzungen bei ihrem persönlichen Tantralehrer und das ist schlecht, denn sie kann deshalb im Schreibkurs Sinnliche Schriften – himmlische Düfte auch nicht auf solche Erlebnisse zurückgreifen um sie, wie Verona, in allen Einzelheiten und in sehr verwegenen Vergleichen zu schildern. Nun soll sie als Abschlussarbeit eine Geschichte zum Thema Mein Lieblingsduft schreiben und weiß nicht aus welchen Düften des Lebens sich dieser zusammensetzen soll, denn Fräulein Gabor war auch nie Groupie eines Rockstars, musste sich nie auf einer Polizeistation aufhalten und seit der Trennung von ihrem Freund beschränkt sich ihr sinnliches Leben auf den wöchentlichen Besuch des Gemüsemarktes. Inspiration tut also Not. Autorin Diana Wieser dagegen, war offenbar sehr inspiriert, als sie die Kurzgeschichte Brise blaugrün schrieb, abgedruckt im Band betörend!, der im September 2011 im Verlag Stories & Friends erschien.

Literarische Duftnoten

Den kurzen Geschichten hat sich der in Lehrensteinfeld bei Heilbronn beheimatete Verlag Stories & Friends, gegründet von Karen Grol-Langner, verschrieben. Die Verlegerin, die auch selbst Kurzgeschichten schreibt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, jeden Band einem bestimmten Thema zu widmen, so gab sie etwa bereits Schokoladen-Geschichten aber auch Stories rund um den Whisky heraus. Der aktuelle Band nun, trägt den Untertitel Literarische Duftnoten und ist folglich den Düften gewidmet.

Mit Diana Wieser aus Beimerstetten hat auch eine Autorin aus der Ulmer Gegend eine Geschichte zu den insgesamt 25 Stories beigetragen. Brise blaugrün ist vielleicht sogar die originellste, denn Kurzgeschichten wirken gerne mal wie von der Stange, als hätte der Großteil der Schreiber im selben Volkshochschulkurs das Kurzgeschichtenschreiben erlernt, wo die Mitstreiter dann, wie Wiesers Text nebenbei erzählt, die Stories der anderen stets wahnsinnig innovativ oder diskussionswürdig finden, ersatzweise auch mal „zu ungenau und überdies ethnobotanisch fragwürdig“. Letztere Kritik mag allerdings auch damit zu tun haben, dass der Kritiker ein Finanzbeamter ist. Als solcher nimmt man’s halt genau.

Ein sinnliches Gesamtpaket

So duftet das Leben heißt das Kapitel in dem Wiesers Text abgedruckt ist. Die recht gut zu den Geschichten passenden Mottos der anderen Abschnitte lauten Duftakkorde für die Seele, Schönheit & Vergänglichkeit, verduftet! und quinta essentia – worauf es ankommt. Das Buch ist also in fünf Kapitel mit je fünf Geschichten eingeteilt, die in den meisten Fällen nicht mehr wollen, als auf nette Weise unterhalten. Der Schwerpunkt liegt bei Stories & Friends in der Gesamtdarbietung. Jedes Kapitel wird durch ein passendes Gedicht, einen Aphorismus oder einen kurzen Auszug aus einem literarischen Text eingeleitet und mit einer von Degenhard Langner gezeichneten Blüte illustriert. Um das Sinnenerlebnis komplett zu machen, sind die Überschriften in einer besonderen Schrift gestaltet, das violette Cover zieren – natürlich – zwei Parfumflakons und wer das Buch verschenken will, kann auch ein komplettes Set mit Raumduft und Vollbuchenkugel zum Duft-Aufträufeln in der Geschenkbox erwerben.

Angesprochen werden von den Texten unterschiedliche literarische Vorlieben, manche bedienen eher Liebhaberinnen von Unterhaltungsliteratur für Frauen, etwa wenn das von der geliebten Großmutter geerbte Parfum dafür sorgt, dass die Enkelin die große Liebe findet oder die Parfumliebhaberin, gerade als sie unparfümiert ist, einem tollen Typen begegnet. Glücklicherweise mag er keine duftenden Frauen, er hat ja als Filialleiter einer Parfümeriekette dauernd solche um sich. Andere Autoren warten mit kriminalistischen Stories auf und einmal entdeckt ein eher den Zahlen als dem Sinnlichen zugeneigter BWL-Student doch noch, wie wohltuend es sein kann, das weiche Fell einer Katze zu streicheln. Ein Ende das so nicht unbedingt zu erwarten war – und noch weniger trifft dies auf das Ende der Geschichte Das Opfer zu.

Ein paar Worte zu viel

Dessen Ich-Erzähler und sein Lehr-Meister Adelphus werden gefangen genommen und zu einem Fleischberg von Fürsten gebracht, der Unmögliches verlangt. Für den Erzähler und seinen Meister geht die Geschichte dennoch gut aus, für eine arme Küchenmagd jedoch nicht, was ihn bittere Tränen weinen lässt. „Ein paar Worte weniger und die Geschichte hätte es überhaupt nicht gegeben“, herrscht ihn sein Meister deshalb an und er hat ja recht. Ein paar vorwitzige, besser nicht ausgesprochene, Worte des Erzählers sind am Ausgang der Geschichte schuld. Anders lässt sich der Satz des Meisters aber auch verstehen: Ein paar Worte weniger und diese Kurzgeschichte hätte es nicht gegeben. Weil es sie aber gibt, lässt sie einen nachdenklichen Leser zurück – nachdenklich darüber, was ein Autor aus Worten machen kann.

 

Karen Grol (Hg.): betörend!, Stories & Friends, 320 Seiten, 18,90 Euro. Erschienen im September 2011. 

7. Oktober 2011

 

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