Einst und Jetzt // Ulm
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Einst und Jetzt // Ulm, erschienen in der Edition Südwest Presse

Eine Stadt im Wandel

 

EinstUndJetztCoverWie die Stadt Ulm seit 1945 ihr Erscheinungsbild verändert hat, kann der Leser im Buch Einst und Jetzt // Ulm nachvollziehen. Der im Herbst 2011 in der Edition Südwest Presse erschiene Band zeigt anhand von Fotografien und erläuternden Texten, was sich städtebaulich in den vergangenen Jahrzehnten getan hat. 

Ulm im Blickpunkt

Gleich zwei im vergangenen Herbst erschienene Bücher widmen sich auf gelungene Weise dem gewandelten Erscheinungsbild der Stadt Ulm. Neben dem Südwest-Presse-Band nimmt sich auch der Bildband Ulm im Wandel von Elvira Lauscher, dieses Themas an. Lauschers großformatig angelegter Band ist vor allem etwas für das Auge. Er zeigt in schönen Hochglanzbildern die Stadt Ulm vor dem Krieg, in den Jahren der Zerstörung und nach dem Wiederaufbau. Dabei konnte die Autorin etliche bislang noch nicht bekannte Fotografien aus Privatbesitz ausfindig machen. In den ergänzenden Textbeiträgen kommen meist Bürger, die den Krieg und die Zerstörung als Kinder erlebt haben, mit persönlichen Eindrücken zu Wort. 

Einst und Jetzt // Ulm ist als kleinformatigeres Buch im Softcover weniger aufwendig gestaltet, dafür ist es außerordentlich lehrreich. Ausgangspunkt dieses Buches ist das Kriegsende im Jahr 1945, das eine weitgehend zerstörte Innenstadt hinterließ und einen umfassenden Wiederaufbau notwendig machte. Anhand von Fotos und Texten, die es auch dem in Sachen Städtebau unkundigen Leser leicht machen, die Veränderungen nachzuvollziehen, zeigen die Autoren auf, wie die Stadt durch architektonische und straßenbauliche Maßnahmen ihr Gesicht bis heute immer wieder verändert hat. Zu diesem Zweck hat Südwest-Presse-Fotograf Marc Hörger den Fotografien aus den Nachkriegsjahren, die größtenteils aus dem Archiv der Zeitung, zum Teil auch aus dem Stadtarchiv und von Werner Simmendinger stammen, seine eigenen Bilder gegenübergestellt, die er, wo immer es möglich war, aus der gleichen Position aufnahm, wie die früheren Fotografen. Wo es nicht mehr möglich war, dem Betrachter den gleichen Blickwinkel zu bieten, weist die Bildunterschrift darauf hin. Die fundierten Textbeiträge stammen von Südwest-Presse-Lokalchef Hans-Uli Thierer, dem Redakteur der Südwest Presse Dr. Henning Petershagen und dem ehemaligen Redakteur der Schwäbischen Zeitung in Ulm Thomas Vogel.

Der Weg zum Stadthaus

Alle drei Autoren sind Kenner der Stadt, so entstand ein Band, der einerseits zeigt, wie manche Bausünde der 50er Jahre wieder beseitigt wurde, der andererseits aber auch Verständnis für die Fehler in den Jahren des Wiederaufbaus weckt, denn nach der Bombardierung vom 17. Dezember 1944 waren viele Menschen ohne Obdach und auch die meisten Geschäfte waren zerstört worden. So mussten möglichst schnell Unterkünfte für die Bürger und Verkaufsräume für die Händler geschaffen werden, denn das Wirtschaftsleben der Stadt sollte umgehend wiederbelebt werden. Manches Gebäude, das heute nicht mehr steht, wurde deshalb hochgezogen, und an einigen Plätzen im Zentrum wurden behelfsweise Bazare gebaut, so zum Beispiel auch die Münsterbazare, in deren Räumen verschiedene Geschäfte und auch das beliebte Café Mohrenköpfle unterkamen.

Dass die provisorischen Bauten rund um das Münster ein halbes Jahrhundert bestehen sollten, konnte zu Bauzeiten niemand wissen, ebenso wenig, wie lange um die Gestaltung des Münsterplatzes gerungen werden sollte. Nach etlichen bereits vorangegangenen Diskussionen und verworfenen Plänen kam es schließlich auch noch zum Streit um den geplanten Bau des Stadthauses durch den amerikanischen Stararchitekten Richard Meier. Dann aber wurde der 20. September 1987, so Hans-Uli Thierer, zu einem entscheidenden Datum für Ulm und die Gestaltung des Münsterplatzes, denn an diesem Tag waren die Bürger zur Abstimmung gerufen. Obwohl das erforderliche Quorum nicht erfüllt worden war, entschieden sich die Stadtväter für den Bau des Stadthauses, denn von jenen, die abstimmten, war eine Mehrheit für den Meierbau und so steht nun seit bald zwanzig Jahren das postmoderne Stadthaus neben dem gotischen Münster.

Der Rückbau der Neuen Straße

Wie sehr um manchen Abriss, manchen Neubau und manche Straßenführung gerungen wurde, zeigt das Buch auch sehr schön am Beispiel der Ecke Neue Straße/Frauenstraße, wo die Kreuzung erweitert werden sollte. Gegen den Abriss von Steinhaus, Nikolauskapelle und Café Gindele gab es jedoch Wiederstand, schließlich wurde 1977 lediglich der Giebel des Cafés nach hinten versetzt, um die Straße zu verbreitern. Zwar wurde durch die Maßnahmen für die Autofahrer ein Nadelöhr beseitigt, so einseitig dem Ideal der autogerechten Stadt folgend wie in den 50er Jahren, wurde ihnen jedoch nicht mehr der Vorrang vor Fußgängern und Bauwerken eingeräumt, und mittlerweile wurde auch einer der größten Fehler dieser Jahre korrigiert: die vierspurige Schneise, die die Neue Straße mitten durch die Altstadt zog. Sie wurde vor einigen Jahren wieder zurückgebaut und an ihre Stelle traten das Gebäude der Sparkasse und das Museum Weishaupt. 

Es werden nicht die letzten Änderungen im Stadtbild gewesen sein, als nächstes großes Ziel folgt die Neugestaltung des Hauptbahnhofs und seiner Umgebung und auch danach wird nicht Schluss sein. Es wird um manche Maßnahme wohl wieder hart gerungen werden und ein sachlicher Tonfall wird nicht immer vorherrschen. In Einst und Jetzt // Ulm geht es sprachlich sehr sachlich und zugleich locker zu. Das ist ein zusätzlicher Gewinn für den Leser.

Hans-Uli Thierer, Henning Petershagen, Thomas Vogel: Einst und Jetzt // Ulm, Edition Südwest Presse, 145 Seiten, 12,80 Euro. Erschienen im November 2011.

 

22. Februar 2012

 

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