Fenster auf, Fenster zu
Search for:

fehrgelesen

Das Literaturportal für die Region Ulm/Neu-Ulm

Manuela Fuelles Roman Fenster auf, Fenster zu

Ela macht ihr Ding

 

Wer ist hier eigentlich verwirrt? Der Vater, von dem die Ich-Erzählerin Ela berichtet? Die Ich-Erzählerin selbst, die mindestens so skurril ist wie ihr Vater? Die Autorin Manuela Fuelle, die den im vergangenen Herbst bei Klöpfer & Meyer erschienenen Romans Fenster auf, Fenster zu in die Welt gesetzt hat? Auf jeden Fall leicht verwirrt, dürfte am Ende mancher Leser dieses eigenwilligen und sehr komischen Buches sein.  

Ein besonderer Vater

Fenster auf, Fenster zu ist der erste Roman von Manuela Fülle, 1963 in Ostberlin geborene Diakonin mit Wohnsitz in Freiburg, die bislang Kürzeres in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht und für ihr Schreiben bereits mehrere Stipendien erhalten hat. Alles beginnt damit, dass Ela, mittlerweile in Süddeutschland zuhause, von ihren beiden Schwestern aufgefordert wird, doch einmal den Vater in Ostdeutschland zu besuchen. Er sei im Stadium der Verwirrung, sagen die Schwestern, sie machen sich Sorgen. Er war schon immer so, sagt Ela, mit dem Alter hat das nichts zu tun, er machte stets sein Ding. Schon ist sie mitten in Gedanken an den Vater, der schon immer anders war als andere und so zieht sich der Satz „er macht sein Ding“ durch den ganzen Roman.

Jedoch macht in diesem Buch nicht nur der Vater stets sein Ding, soweit sind wir allerdings noch nicht. Erst einmal schildert Ela ihren Vater, wie er keine Chance zum Sparen auslässt, beim Bäcker die kostenlosen Semmeln vom Vortag abholt und auch sonst keine Gelegenheit vergibt, günstig an Dinge zu kommen, auch an Grundstücke mit Häusern drauf. Deshalb hat er nun ein Häuschen am Rande Berlins, einen alten Hof in Badeleben und einen Keller um Dinge einzulagern in Berlin-Adlershof. Mit seinen billig oder umsonst erstandenen Waren versorgt er auch andere, die Nachbarin beispielsweise und Susanne seine zeitweilige Freundin, die sich zwar von ihm aushalten lässt, ihm körperliche Nähe jedoch nicht erlaubt. 

Unterwegs zum Vater

Es ist ein Drittel des Romans vorbei als Ela feststellt, dass sich die Schwestern nicht mehr gemeldet haben, seit sie sich den Erinnerungen an ihren Vater hingibt. Das muss etwas mit Telepathie zu tun haben, vermutet sie, während ihre Gedanken zum Briefträger schweifen, „der Postsau“, die bestimmt so dick ist, weil sie von den alten Damen, denen sie die Post bringt, zum Mittagessen oder zu Kaffee und Kuchen genötigt wird. Ihr jedenfalls hat die Postsau einen Katalog mit Immobilienangeboten in Sachsen und einen Brief von den Schwestern eingeworfen. Ela war nämlich einfach nicht ans Telefon gegangen wenn es geläutet hatte, weshalb ihr die beiden nun schriftlich mitteilen, dass der Vater immer noch nicht auffindbar sei, sie suchten ihn in Berlin und Ela möge doch auf den Hof nach Badeleben fahren.

Schließlich macht sich Ela tatsächlich auf den Weg zum Vater, bereits eine Stunde vor der Abfahrt des Zuges ist sie am Tübinger Hauptbahnhof. „Also was machen wir jetzt?“, fragt sie den Leser und beantwortet die Frage „Wieso wir?“ gleich selbst: „ Na, Sie kommen doch mit“. Endlich macht sie den Vorschlag, den nächsten Zug nach Stuttgart zu nehmen und dort auf einen Anschlusszug zu warten. Es ist ja nun ohnehin schon einiges schiefgegangen, zum Beispiel machte sie sich viel zu spät auf die Suche nach dem Vater. Wenn sie noch einmal von vorne anfangen könnte, meint Ela, würde sie den Vater nicht erst nach neun Kapiteln suchen.   

Elas Logik

Elas Geschichte, das deutete sich zuvor schon gelegentlich an, ist also offenbar eine extra für den Leser aufbereitete Geschichte und so wie sie über ihren Vater sagt „Er ist nicht verwirrt. Er folgt einer anderen Logik“, folgt auch diese Geschichte einer anderen Logik, da spielt es keine Rolle, dass Ela genau genommen erst nach dem zehnten Kapitel auf die Suche nach ihrem Vater geht und dass des Vaters angegebenes Geburtsjahr nicht exakt mit der Altersangabe von 84 Jahren zusammenpasst. Elas Logik ist eben eine andere und so verfährt sie auch mit Ihrer Geschichte, unterläuft jede Erwartung und lässt den Roman letztlich einen ganz und gar unvorhersehbaren Verlauf nehmen. Am Ende der Zugfahrt jedenfalls, während der sie auf allerlei kuriose Gedanken gekommen ist, fährt sie zu weit, weil sie geschlafen hat.

Da kein Zug mehr nach Badeleben zurückfährt, muss sie entlang eines stillgelegten Gleises zurückgehen und plötzlich wird aus dem Roman ein Roman über Elas Kindheit in der DDR. Auf einmal ist sie mittendrin in der Schilderung jener Zeit, die das Scheidungskind Ela beim Vater verbringt. Dieser hat immer mal wieder eine Freundin, wenn sie den Kindern jedoch nicht zusagt, wird es nichts mit ihr. Nur Tante Helga, früher „Mannekwin“ kommt häufig, letztlich aber verläuft auch diese Beziehung im Sand und daran sind noch nicht einmal die Hasenkegel, die zeitweise auf dem Sofa liegen schuld und auch nicht die zwei Ziegen, von denen eine die Haustüre demoliert.

Warten aufs Katzenklo

Die Ziegen hat der Vater eines Tages mitgebracht, wohl weil es gerade keine Elefanten gab. Vielleicht ist das ein Zugeständnis an die Erwartungen des Literaturbetriebs und der (westdeutschen) Leser, denn die DDR-Kindheit wird natürlich keineswegs so geschildert, wie man das erwartet, nein, die Familie macht ihr Ding, aber wenigstens dass es in der DDR nicht immer alles gab darf man lesen. Wahrscheinlich, vermutet Ela an anderer Stelle, musste man, wenn man ein Katzenklo wollte „einen Antrag stellen und konnte so ein Katzenklo erst fünf Jahre später kaufen“.

Irgendwann hat Ela die stillgelegte Bahnstrecke, die ja auch so wunderbar als Metapher zur gewesenen DDR passt, hinter sich und steht an einer Kreuzung. Weil sie nicht weiß, ob sie nach links oder nach rechts gehen soll, wird das Problem dadurch gelöst, dass ein Jeep des Weges kommt, dessen Fahrer sie mitnimmt. Leider sieht Ela zwei Gewehre in seinem Kofferraum, die sie während der ganzen Fahrt beschäftigen, und dass „ausgerechnet der Herr Mörder“ sagt, sie wolle doch nicht etwa auf den Hof, auf dem es nicht mit rechten Dingen zugehen soll, entzückt sie auch nicht gerade. Dennoch kommt sie heil an, das Tor ist verschlossen und schließlich fängt es auch noch an zu regnen. 

Irgendwie dazwischen

Es wäre aber auch verwunderlich gewesen, wenn Elas Geschichte, die schon mit den Worten „Es ist keine Jahreszeit. Es ist kein Wetter. Es ist irgendetwas dazwischen…“ beginnt, nicht genauso irgendwie dazwischen geendet hätte, so wie auch ihre Sätze im Verlauf immer unvollständiger werden bis irgendwann bald jeder zweite Satz im irgendwo Dazwischen endet. Wer weiß schon, ob es diesen Vater jemals gegeben hat. Nichts ist sicher in diesem Roman, ja noch nicht mal, wer jetzt der Autor ist, die Ich-Erzählerin Ela oder doch Manuela Fuelle, so sehr verschwimmen die Ebenen miteinander, und auch nicht sicher ist, was er denn nun so genau sagen möchte. Dass Familien eigenwillige Gemeinschaften sind? Vielleicht. Dass jeder seine eigenen Erinnerungen hat? Vielleicht auch. Dass ein Roman nicht die Erwartungen des Literaturbetriebs und der Leser an einen Roman über einen alten Mann, einen Familienroman, einen Roman über eine Kindheit in der DDR zu erfüllen hat? Vielleicht ebenfalls. Dass man durch gekonntes Spielen mit den literarischen Möglichkeiten den Leser verwirren und zugleich einen vorzüglichen Roman schreiben kann? Das wäre jedenfalls zutreffend.  

Manuela Fuelle: Fenster auf Fenster zu, Klöpfer & Meyer Verlag, 256 Seiten, 19,90 Euro. Erschienen im August 2011.

16. Januar 2012

 

Hat Ihnen die Besprechung gefallen? Sie können fehrgelesen unterstützen, indem Sie für die ganze Seite oder für diesen Artikel einen kleinen Betrag zukommen lassen. 

 

zurück