Home
fehrgelesen
Im Portrait
Was lesen Sie gerade?
Kurzvorstellungen
Buchhandlungen
Bibliotheken
Literatur in der Region
Extras
Links
Über fehrgelesen
Impressum
Unterstützen
Search for:

fehrgelesen

Das Literaturportal für die Region Ulm/Neu-Ulm

Im Portrait: Büchermenschen aus der Region

 

Jörg Neugebauer

Der Zauberberg, das berühmte Werk Thomas Manns, umfasst beinah tausend Seiten. Obwohl sein Held Hans Castorp - „ein einfacher junger Mann“, wie Thomas Mann schreibt - nichts Erzählenswertes an sich hat, ist es doch die Geschichte, die dem Autor „in hohem Grade erzählenswert scheint (wobei zu Hans Castorps Gunsten denn doch erinnert werden sollte, dass es seine Geschichte ist und dass nicht jedem jede Geschichte passiert)“. Thomas Manns Roman hat zweifellos schon viele Interessierte gefunden, die die erzählenswerte Geschichte des Hans Castorp auch für in hohem Grade lesenswert halten, Jörg Neugebauer ist einer von ihnen. Weil es aber doch einige gibt, die eine gewisse Scheu vor dicken Büchern und bildungsbürgerlichen Schriftstellern haben, liest der Neu-Ulmer Autor seit einiger Zeit jeden zweiten Dienstagvormittag den Hörern von Radio Free FM aus Thomas Manns bedeutendem Werk vor, auf dass es vielleicht noch ein paar mehr Interessierte findet.

In erster Linie, meint Jörg Neugebauer, gehe es ihm um das Künstlerische, völlig könne man den Pädagogen aber nicht abstreifen, denn ursprünglich war Neugebauer einmal Deutschlehrer am Hans-und Sophie-Scholl-Gymnasium, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete, Heute vermittelt er nicht nur Radio-Hörern bedeutende Werke, sondern schreibt auch selbst Gedichte und hat mit Kopf und Körper auch schon einen Roman veröffentlicht. 1949 in Braunschweig geboren, kam Neugebauer schon mit drei Jahren nach Ulm, wo er aufwuchs und 1969 am Kepler-Gymnasium sein Abitur machte. Geschrieben hat Neugebauer damals bereits, doch nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Geschichte in München und Tübingen wurde er Lehrer und so trat der Beruf erst einmal in den Vordergrund. Wo der Mathematiklehrer den Grund für Schülers Matheversagen eher in den fehlenden Fähigkeiten des Schülers vermute, meint Neugebauer, da versuche der Deutschlehrer eben doch möglichst jeden Schüler so weit wie möglich mitzunehmen. Ganz ohne Mühen gelang das nicht und so blieb für die eigene literarische Produktion nicht mehr allzuviel Freizeit und vielleicht auch nicht mehr die nötige Lust übrig und erst als er krankheitsbedingt pensioniert wurde, widmete Neugebauer sich wieder ausführlich der eigenen literarischen Produktion.

Dionysos – der immerzu kommende Gott

bild_neugebauer01Seine Liebe zum Mythos führte zum Gedichtzyklus Dionysos – der immerzu kommende Gott, weil, so Neugebauer, die Mythen in der Gegenwart ebenso wahr oder unwahr sind, wie in noch so ferner Vergangenheit, wenn der Künstler nur die richtige Sprache findet, sie den Zeitgenossen nahe zu bringen. Nötig ist jedoch auch ein Verlag, damit das Epos an die Öffentlichkeit treten kann und so gründete seine damalige Ehefrau den railroadverlag, um diejenigen Menschen zu erfreuen, „die die feinen und tieferen Töne in der Literatur lieben“. Zu ihnen gehört auch Elvira Lauscher und nachdem beide sich bei einem Literaturseminar in Blaubeuren kennengelernt hatten − „Wir rieben uns gleich aneinander und hatten sofort Interesse an den Texten des jeweils anderen“ − hielten sie Kontakt und es ergab sich, dass sie zusammen mit dem Percussionisten Klaus Feldhoff den Dionysos als Hörbuch-CD aufnahmen. Damit war nun klar, dass man miteinander konnte und da beider Leidenschaft der Lyrik gilt, lag der Gedanke nahe, sich auf diesem Gebiet zusammenzutun und das Lyrik-Duo Wortkunstlauf zu entwickeln. Nun treten sie mit ihren Wortkunstläufen regelmäßig in der theaterWerkstatt auf, aber auch im Podium des Ulmer Theaters und außerhalb Ulms, auch wenn bei ihrem Auftritt im bekannten Münchner Schlachthof die vielen Menschen, die dort Schlange standen, dann doch nicht zu ihnen wollten, sondern, so Neugebauer, „zu irgendeinem berühmten Künstler, der nebenan auftrat“, aber einige Zuhörer blieben dann doch noch für sie übrig.

Der Zauberberg, Musik und Gedichte

Der Autor erzählt das in seinem Offenhausener Häuschen ganz freimütig, denn Literarisches, das nicht dem Mainstream folgt, in den Buchhandlungen und Verlagen unterzubringen oder dafür öffentliche Aufmerksamkeit zu finden, ist nicht einfach. Die Pension macht es möglich, dass Neugebauer „keine Krimis schreiben muss, um zu überleben“ und zur Veröffentlichung bietet auch das Internet glücklicherweise zusätzliche Möglichkeiten. So findet man Neugebauer-Lyrik auch auf der Seite poetenladen.de und ebenso glücklicherweise gibt es noch Radiosender wie Free FM, die nicht unter Quotendruck stehen und dort hatte man das Wortkunstlauf-Paar Lauscher/Neugebauer ein paar Mal eingeladen. Bei diesen Besuchen kam dem Literaturliebhaber auch die Idee zu seiner Sendung Klassisch-Modern, die er seit April dieses Jahres jeden zweiten Dienstag dort moderiert und eben in dieser Sendung liest Neugebauer aus Thomas Manns Meisterwerk. „Ich hoffe“, sagt er, „dass ich den Hörern die Scheu vor dem Zauberberg nehmen kann“, denn das Humorvolle des Werkes, findet Neugebauer, werde meist nicht so sehr wahrgenommen. Wer nun meint, es werde eine komplette Stunde lang nur gelesen, muss keine Bange haben: es gibt zwischendurch Musik, etwa von Aerosmith oder Steve Winwood, und zusätzlich noch ein paar Gedichte – und zum Abschluss ist dann immer auch noch etwas aus der eigenen Lyrikproduktion dabei.

 

Informationen:

Von Jörg Neugebauer erschienen:

 

Die Sendung Klassisch-Modern auf Radio Free FM kommt jeden zweiten Dienstag, immer in den geraden Wochen, um 11 Uhr vormittags.

 

Interessante Links zur Person Jörg Neugebauer:

Poetenladen

Railroadverlag

Signaturen (Rezensent, Gedicht der Woche)

Fixpoetry

Münchner Literaturbüro

 

Foto (privat): Jörg Neugebauer liest aus Brüllende Apparate.

22. Dezember 2009

 

 

Bettina Krimmel
Stadtbücherei Neu-Ulm

Das Studium der Wirtschaftswissenschaften hat mir der schönen Literatur eher wenig zu tun, dafür sind die Aussichten später eine Stelle zu bekommen recht günstig. Letzteres war auch der Grund, weshalb Bettina Krimmel nach dem Abitur zunächst ein paar Semester Wirtschaftswissenschaften studierte, obwohl sie schon immer gerne las. Sie merkte jedoch bald, dass sie das nicht glücklich machte und ihr nächstes Studium führte sie doch noch zur Literatur und zu ihrer heutigen Tätigkeit als Bibliothekarin in der Neu-Ulmer Stadtbücherei.

Ein literaturwissenschaftliches Studium hätte Bettina Krimmel auch interessiert, aber „da gibt es ja kein klar definiertes Berufsbild“. Ein solches bietet der Beruf der Diplom-Bibliothekarin, dennoch: unbefristete Vollzeitstellen sind rar und so hatte auch die 30jährige, die in der Nähe von Esslingen wohnt, eine befristete Teilzeitstelle in Göppingen, doch sie hatte Glück und bekam zum 1. April den Neu-Ulmer Vollzeitposten, wo sie nun für Kinder- und Jugendliteratur sowie Veranstaltungen und Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Ungewöhnlich ist es nicht, dass man sich erst einmal mit einer befristeten Stelle begnügen muss, denn in vielen kleinen Bibliotheken erledigen Rathausangestellte die Bibliotheksarbeit mit oder der Dienst wird von Ehrenamtlichen versehen. Da es den Kommunen überall an Geld fehlt und viele kleine Büchereien wohl ansonsten geschlossen würden ist das ehrenamtliche Engagement sicher zu begrüßen, Bibliothekare an größeren Büchereien brauchen jedoch eine qualifizierte Ausbildung, so hat Bettina Krimmel sieben Semester Bibliotheks- und Medienmanagement an der Hochschule der Medien, HDM, in Stuttgart studiert. Mittlerweile heißt das Studienfach Bibliotheks- und Informationsmanagement und dauert sechs Semester. 

Ziel: ein ausgewogenes Angebot

Um einen Überblick über die aktuelle Kinder- und Jugendliteratur zu bekommen sondert Bettina Krimmel mithilfe der Einkaufszentrale für Bibliotheken, EKZ, erst einmal den Markt und schafft dann mit dem ihr zur Verfügung stehenden Etat sehr gefragte Bücher wie Harry Potter an, aber auch pädagogisch hochwertige Kinder- und Jugendliteratur. „Wir achten darauf, dass das Angebot ausgewogen ist“, sagt Krimmel, Bestseller wie die Potter-Bücher besorgt sie aber schon kurz nach dem Erscheinen und dann auch in mehrfacher Ausgabe. Das findet die Bibliothekarin auch in Ordnung, denn solchen Trends kann sich eine öffentliche Bücherei nicht verschließen und außerdem verführte der Zauberlehrling schließlich viele Kinder zum Lesen. Fragt man Bettina Krimmel ob auch sie den Eindruck hat, dass Kinder und Jugendliche zunehmend weniger lesen, wird es schwierig, denn „wir sehen ja nur die die zu uns kommen“, sagt sie und das seien nicht wenige, wobei Krimmel auch gefällt, dass bereits Mütter mit sehr kleinen Kindern kommen. Allerdings: „Kinder kommen nicht von sich aus in die Bibliothek, sie werden von den Eltern dazu animiert“. Auch sie hatte die Mutter, die selbst gerne las – „sie las mir und meinem Bruder auch vor“ − als Vorbild. Die Bücher gab es allerdings zuhause, erst in der fünften Klasse besuchte Bettina Krimmel erstmals eine Bibliothek und lieh von nun an auch Bücher aus, und zwar „stapelweise“. Deshalb sind auch ihr die Klassenführungen für Grundschüler, die ebenfalls zu ihren Aufgaben gehören wichtig, so dass auch Kinder aus weniger lesebegeisterten Familien für den regelmäßigen Bibliotheksbesuch und das Lesen begeistert werden. Dass die Mädchen hier in der Überzahl sind, den Eindruck hat Bettina Krimmel auch.

Eine vielseitige Tätigkeit

Zum Lesen hat die Bibliothekarin während der Arbeitszeit keine Muße. Bücher sichten, bestellen, eingetroffene Bücher katalogisieren und anschließend zum Signieren und Einbinden geben, an der Ausleihtheke einspringen, Leser beraten, sowie Veranstaltungen für Kinder und Erwachsene planen und durchführen, das sind ihre Aufgaben. „Es ist eine interessante Stelle weil die Tätigkeit sehr vielseitig ist“, sagt Krimmel, auch gefällt ihr die familiäre Atmosphäre in der Neu-Ulmer Bücherei mit ihren zirka zehn Beschäftigten. Das Lesen erledigt sie in ihrer Freizeit und während der Zugfahrten, denn sie pendelt nach wie vor zwischen Neu-Ulm und ihrem Wohnort. Privat liest Bettina Krimmel am liebsten Gegenwartsschriftsteller und von diesen wiederum am liebsten die amerikanischen. „Generationenwechsel und Generationenkonflikte im amerikanischen Gegenwartsroman“ lautet denn auch der Titel ihrer Diplomarbeit, die auch im Internet abrufbar sowie als Buch zu kaufen ist. Neben Franzen, Hornby, McEwan usw. darf es allerdings auch einmal ein Krimi oder ein historischer Roman sein und einen speziellen Lieblingsschriftsteller hat Krimmel ebenfalls nicht, was sie fasziniert ist, wenn sie sich und ihre Lebenswelt in den verhandelten Themen wiederfinden kann. Bleibt noch eine Frage: Verschenkt eigentlich eine Bibliothekarin ausschließlich Bücher? Fast ausschließlich zumindest. Etwa 80 Prozent ihrer Geschenke, schätzt Krimmel, seien Bücher, nur wer sich ausdrücklich etwas anderes wünscht, bekommt kein Buchgeschenk.

 

Und hier kommen Bettina Krimmels Buchtipps:

Für Kinder: Krabat von Otfried Preußler. Die Geschichte des Waisenjungen Krabat, der bei einem Müllermeister, der sich bald als Meister der schwarzen Magie herausstellt, in die Lehre geht.

Für Erwachsene: Fast ganz die Deine von Marcelle Sauvageot. Eine Frau erhält im Lungensanatorium einen Brief ihres Verlobten in welchem er mitteilt, dass er eine andere heirate. Sie, tödlich erkrankt, antwortet mit einem Brief den sie jedoch nie abschickt. Die Lehrerin Marcelle Sauvageot, 1900 in Charleville geboren, erkrankte 1930 selbst an Tuberkulose, sie starb 1934 in Davos. Fast ganz die Deine wurde erst nach ihrem Tod veröffentlicht. 

11. September, 2009

nach oben