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Stefan Langs Buch Stadtherren, Gutsbesitzer und Mäzene. Die Patrizier der Reichsstadt Ulm

Ein Buch über die Herren Ulms

 

PatrizierSuedVGSie hießen Krafft, Ehinger oder Besserer und sie bestimmten über Jahrhunderte die Geschicke der Reichsstadt: die Ulmer Patrizier. Ihnen widmete Stefan Lang sein Buch Stadtherren, Gutsbesitzer und Mäzene. Die Patrizier der Reichsstadt Ulm, das im vergangenen November in der Süddeutschen Verlagsgesellschaft erschien.

Die Lebenswelten der Ulmer Geschlechter

Bekannt war die herausragende Rolle des Ulmer Patriziats schon lange, doch, so Prof. Dr. Michael Wettengel, Leiter des Stadtarchivs, das als Herausgeber des Buches fungiert, es fehlten „neuere Forschungen und eine seiner Bedeutung angemessene Darstellung in der stadtgeschichtlichen Literatur“. Dies wurde nun mit Hilfe der Stiftung Kulturgut des Landes Baden-Württemberg nachgeholt, denn die Stiftung ermöglichte die Verzeichnung und Bestandserhaltung der Archive der Patrizierfamilien im Stadtarchiv. Aus diesen Arbeiten, an denen auch Dr. Stefan Lang beteiligt war, entstand schließlich der knapp 180 Seiten umfassende, mit zahlreichen Fotografien illustrierte Überblick über die Mitglieder der Ulmer Oberschicht, die über Jahrhunderte die Geschicke der freien Reichsstadt bestimmten. Nicht immer war ihre Position unangefochten, zeitweise stritten sie sich mit den Zünften um die Vorherrschaft im Rat, die mal zugunsten der einen, mal zugunsten der anderen Seite ausschlug, immer aber hatten Patrizier die bedeutendsten Posten, so den des Bürgermeisters, inne. Das alles und mehr erfährt der Leser aus den einzelnen Kapiteln des Buches.

Ausgehend von einer kurzen Erläuterung über den Begriff des Patriziats in den deutschen Reichsstädten, klärt Lang zunächst einige grundsätzliche Fragen über das Patriziat in Ulm, vor allem über dessen Stellung im Verlauf der Jahrhunderte, denn, so der Autor „bei aller vorhandenen Kontinuität kann man die Geschlechter des 14. nur schwer mit denen des 18. Jahrhunderts vergleichen“. Diesen vorausgehenden Erklärungen folgt ein ausführlicher Komplex über die Lebenswelten der einst führenden Schicht Ulms, dessen einzelne Abschnitte sich mit Themen wie Heirat, Ehe und Familie oder Patrizische Lebensentwürfe und Karrieren befassen. In Letzerem beleuchtet der Autor neben der Rolle der Patrizier in der Regierung und Verwaltung Ulms auch ihre Rolle als Soldaten. So bildeten sie stets die Führungsschicht der Ulmer Truppen und nicht wenige von ihnen fielen in den Kämpfen. Viele jüngere Söhne wiederum, die nicht so viel zu erben hatten wie die älteren Brüder, verdingten sich als Söldner in fremden Heeren, wo sie gutes Geld verdienen konnten.

Lehrjahre auf Wanderschaft

Auch der Bildung und Ausbildung nimmt sich ein Abschnitt an, nahm diese doch bei den Söhnen – zu den Töchtern gibt es, so Lang, kaum Quellen − viel Zeit in Anspruch. Nach dem Besuch des Ulmer Gymnasiums studiertten die jungen Männer oft an mehreren europäischen Universitäten, und häufig schlossen sich noch Wanderjahre durch verschiedene Länder an, in denen sie ihre Ausbildung vervollkommneten. Nach Ulm zurückgekehrt, heirateten die Patriziersöhne und nahmen Posten in der Politik oder Verwaltung an. Sie gründeten Stiftungen und gaben sich als Wohltäter gegenüber den Armen, meist nicht ganz uneigennützig, wie Lang schreibt, denn es galt, etwas für das künftige Heil zu tun. Anders als etwa in Augsburg, war es bei den Ulmer Geschlechtern eher unüblich, dass sie Handel trieben, es kam jedoch durchaus vor, fand dann aber oft eher im Verborgenen statt. Man passte seinen Lebensstil lieber, soweit wie möglich, an jenen der Adligen aus der Umgebung an. Von der Verwaltung der eigenen Güter allein konnten allerdings die wenigsten leben, weshalb sie öffentliche Posten bekleideten.

Getroffen haben sich die Mitglieder der führenden Familien in der Oberen Stube gegenüber dem Rathaus, wo auch noble Festivitäten, bei denen prächtig aufgetischt wurde, stattfanden. Zwar kam es manchmal zu Heiraten von Mitgliedern des Patriziats mit Mitgliedern der Kaufmannsschicht − die Kaufleute waren oft sogar wohlhabender als die Patrizier − der Aufstieg in die Oberschicht wurde ihnen von diesen jedoch selten gewährt. Man wollte unter sich bleiben und seine herausragende Stellung bewahren.

Gelage bei Patriziers

Mit der herausragenden Stellung war es allerdings so eine Sache, denn bei Patriziers ging es nicht immer nur edel zu. So berichtet Lang von Streitereien ebenso wie von Gelagen, bei denen es oft recht wüst zuging und auch die Frauen nicht immer rühmliche Rollen spielten. Hier zitiert der Autor zusätzlich aus den Tagebüchern des Ratskonsulenten Dr. Johann Georg Fries, in denen dieser im frühen 17. Jahrhundert auch über die Verfehlungen der hohen Herrschaften spottete. So vermerkt er über des Albrecht Baldingers „zwo töchteren“, diese seien schon morgens in einem „weissen grossen schlitten gefahren“ und hätten „geschrien wie die unsinnigen“.

Bei öffentlichem Fehlverhalten alleine blieb es natürlich nicht, es kam auch zu Verbrechen, von denen das aufsehenerregendste wohl der Mord des Bürgermeisters Albrecht Harsdörfer an seinem Kollegen Marx Christoph Besserer war. Das Motiv: gekränkte Eitelkeit. In diesem, wie in ein paar anderen Fällen, konnte die Gerichtsbarkeit nicht umhin, auch ein Mitglied dieser Schicht zum Tode zu verurteilen. Zwar blieb kriminelles Verhalten von Patriziern meist nicht folgenlos, wie Stefan Lang erklärt, allerdings waren die Strafen für Angehörige des Patriziats oft milder als für Angehörige anderer Schichten. So wurden sie für Vergehen, für die andere mit dem Tod bestraft wurden, oft nur zu einer Zuchthausstrafe verurteilt oder mit Verbannung aus der Stadt belegt.

Ein sehr gelungener Überblick

Mit den Skandalen und Affären rund um die Ulmer Oberschicht endet der sehr ausführliche Komplex über die Lebenswelten des Ulmer Patriziats. Ihm folgt ein weiterer, der sich jenen Orten widmet, die heute noch an die führenden Geschlechter erinnern. Neben Gebäuden in Ulm, zu denen der Grüne Hof 2 und natürlich das Münster gehören, sind das vor allem auch Schlösser in der Region, beispielsweise in Oberbalzheim oder Reutti, denn die meisten großen Patrizierfamilien besaßen auch Residenzen im Umkreis der Stadt.

In Abständen zwischen den Texten platziert sind Porträts, in denen bedeutende Patrizier vorgestellt werden und Ausschnitte aus diversen Schriftwerken, wie etwa aus dem bereits erwähnten Tagebuch des Johann Georg Fries. Allzu sehr ins Detail zu gehen ist auf knapp 180 Seiten nicht möglich, das war aber auch nicht die Absicht. Autor und Herausgeber wollten, so merkt Michael Wettengel ebenfalls in seinem Vorwort an, einen Überblick über das Leben und Wirken der einst führenden Familien Ulms geben und damit die Grundlage für weitere Forschungen auf diesem Gebiet legen. Das ist ihnen mit diesem, auch äußerlich sehr schön gestalteten, Buch gelungen. 

Stefan Lang: Stadtherren, Gutsbesitzer und Mäzene. Die Patrizier der Reichsstadt Ulm, Süddeutsche Verlagsgesellschaft, 176 Seiten, 28 Euro. Erschienen im November 2011.

21. März 2012

 

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