Versprechen
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Adi Hübels Lyrikband Versprechen

Novembermai

 

Eine flüchtige Liebe unterm Pflaumenbaum besingt Bertolt Brechts Gedicht Erinnerung an die Marie A., von dem in Adi Hübels neuem Lyrikband Verspechen nur die vier Zeilen

September
Pflaumenbaum
Liebe
Holder Traum

übrigbleiben und es ist nicht das einzige Gedicht, in dem die uralten Themen Liebe und Natur vereint sind. Die gebürtige Allgäuerin, den Ulmern vor allem als langjährige Leiterin der Theaterwerkstatt bekannt, widmet ihren zweiten Lyrikband, erschienen im Schweinfurter Wiesenburg Verlag, wo auch der Lyrik-Erstling Der Sommer meiner Liebe erschien, fast ausschließlich der Natur- und Liebeslyrik. Adi Hübels politisches und gesellschaftliches Handeln galt und gilt dem Einsatz für die Rechte der Frauen und friedenspolitischen Aktivitäten, ihre Gedichte aber beschreiben einfach nur, ganz unmodern, Natur und Liebe, die nicht von Kriegen, Umweltkatastrophen oder Unterdrückung bedroht sind, sondern von der Vergänglichkeit – aus dem Frühling wird Sommer, aus dem Sommer wird Herbst, die Liebe vergeht und des Menschen Leben auch. 

Den sieben Abschnitten des Buches vorangestellt ist jeweils eine Illustration der Ulmer Künstlerin Ursula Wild, gefolgt von einem Motto, geschrieben in Großbuchstaben. Ein vielversprechender Frauenmund auf dem Umschlag, gemalt von Sandra Carrasco Jeria aus Ulm, vollendet − passend zum Titel − das Gesamtkunstwerk. Fetter Sommer und Dir heißen die ersten beiden Abschnitte, in denen Liebe und Natur oft Hand in Hand gehen und manche Naturbeschreibung erotisch konnotiert ist, so im Gedicht Lindenduft des Kapitels Dir. Es könnte genauso gut dem Kapitel Fetter Sommer zugeordnet sein, das mit einem Frühlingsgedicht − es trägt, wie der Titel des ganzen Büchleins, die Überschrift Versprechen − auf die folgenden Sommergedichte einstimmt, etwa Sommernacht, bei dem man sich an Mörikes Um Mitternacht erinnert fühlt. Das letzte Gedicht, Oliven, leitet das Ende des Sommers und den beginnenden Herbst ein. Damit endet der Abschnitt mit einem Verweis auf die Vergänglichkeit, dem mit dem Gedicht Mai, des folgenden Kapitels doch schon wieder der Hinweis auf ein neues Werden folgt.

Amüsante, wenn auch nicht neue, formale Experimente zeigen die Abschnitte Einwortgedichte und Fitzelgedichte. Erstere müssen keineswegs nur aus einem Wort bestehen, können sich auch aus zwei Wörtern zum Einwortgedicht ImMorgengrauen zusammensetzen. Wie man mit Einwortgedichten umgeht, dafür liefert die Autorin eine Gebrauchsanweisung mit, zum Beispiel, sie wie eine Sternschnuppe zu beachten. An Ernst Jandl erinnert fühlt man sich im der Zuneigung gewidmeten Einwortgedicht, das Fitzelgedicht Verloren wiederum, lässt an Eugen Gomringer denken. Gespielt wird nicht nur mit Worten, sondern auch mit Sprichwörtern und Gedichten, etwa in den Fitzelgedichten Eigenheim, Novembermai oder eben im mit Brechts Erinnerung an die Marie A. spielenden Gestern.

Scheren auch diese Kapitel thematisch nicht aus, so markiert der mittlere der sieben Abschnitte, Am Tisch, einen Bruch. Eingebettet in jeweils drei Kapitel – zum ersten Teil gehört noch der Abschnitt Venedig, mit dem traurigschönen Gedicht Venedig fern, den zweiten Teil schließt das Kapitel Schwäbisch isch au schea ab, das sich Wetter, Früchten und Jahreszeiten auf Schwäbisch widmet und dabei die Langsamkeit beschwört − taucht hier die Liebe allenfalls in Form von fehlender Liebe auf, so zum Beispiel im Gedicht Kleines dünnes Mädchen, in dem um eine lieblose Kindheit getrauert wird. Neben Lieblosigkeit prägen Ruhe- und Gefühllosigkeit diese Gedichte. Wenn überhaupt Gefühle angesprochen werden, dann ist es Trauer über Verlorenes oder nie Dagewesenes und wo es im übrigen Buch duftet, blüht und herbstelt wird hier das abgelaufene Jahr ganz unsentimental verabschiedet, ließ es doch nur wenig Gutes zurück. So ist dieser Abschnitt wie ein Stolperstein, der inmitten eines gepflegten Gartens erhöhte Aufmerksamkeit einfordert. 

Adi Hübel: Versprechen. Wiesenburg, 143 Seiten, 11,90 Euro. Erschienen im März 2010.

6. April 2010

 

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